WUT(Kinder)
Wie wir aus Elefanten Mücken machen
“Raserei. Empörung. Roter glühender Zorn“, so beschreibt Marlene Hellene die Wut ihrer Töchter (und zum Teil ihre eigene). Die Bloggerin und Spiegelbeststeller-Autorin bildet die starken Gefühle ihrer Kinder in einer so humorvollen Art ab, dass es mich zuerst zum Schmunzeln bringt. Danach zum Denken.
An dieser Stelle vielen Dank an Wanbli sapa, der diesen Artikel liebenswerterweise vor einiger Zeit mit mir geteilt hat.
Die darauffolgenden Tage arbeitete es in mir. Doch spätestens als ich die Kommentare unter ihrem Ankündigungspost auf Instagram gesehen habe, hatte ich entschieden dieses Thema aufzugreifen.
Wut ist eine natürliche Emotion. Wir sollten sie annehmen und anerkennen, aber auch nicht zu sehr vereinfachen oder versuchen etwas “auszuhalten”.
Wut ist ein Signal und überschießende Reaktionen gehören betrachtet und hinterfragt. Mit Wut umgehen zu lernen ist außerdem ein Beziehungsthema (von Menschen in Verbindung zueinander und mit sich selbst) und etwas, das mit einem sich regulierenden Nervensystem zu tun hat.
Pipi und die Wut
Etwas, das dieser Artikel verwechselt, sind Wut und Stärke. Und er verzerrt die Gründe für Wut. Banale Gründe führen ausnahmslos zu einer Explosion. Ein Vergleich mit Pipi Langstrumpf wird im Artikel vorgenommen.
“Natürlich sollen meine Kinder meinungsstarke Persönlichkeiten sein. Nur halt nicht, wenn sie zwei Jahre alt sind und sich brüllend auf dem Boden des Supermarktes wälzen, weil ich verbiete, einen Schluck aus den niedlichen kleinen Fläschchen im Kassenbereich zu probieren.”
Doch Pipi ist kein wütendes Kind.
In Astrid Lindgrens Geschichten und den darauf basierenden Filmen und Serienfolgen wird Pipi als starke, selbstbewusste und lebensbejahnde Persönlichkeit dargestellt.
Sie ist nicht (digital) überreizt, ihr Nervenkleid ist stabil und sie fühlt sich sicher in der Welt.
Wenn sie doch wütend wird, geziehlt, und ihr Nervensystem beruhigt sich, sobald die Bedrohung vorbei ist.
Bäreneltern
Sven Beba ist ein Mann, der in seiner Arbeit einen starken persönlichkeits- und bewusstseinorientierten Ansatz verfolgt. Er ist zwar (noch) kein Bestseller-Autor, hat aber langjährige Erfahrung als Pädagoge und u.a. seinen eigenen Waldkindergarten gegründet und geführt. Mit dem Bäreneltern Mentoring Programm unterstützt er Eltern im Alltag.
Mir hat er bei meinem Sohn sehr geholfen (Eigentlich ging es bei den Themen hauptsächlich um das System, in dem wir uns befinden. Wir haben u.a. Kindergarten und frühe Diagnosen und Alternativen aufgearbeitet. Mein Sohn ist ein ganz wunderbares Kind.)
Bezogen auf Wut sind für ihn die Kinder nicht das Problem. Viele von uns tragen eigenen Prägungen, Stress & alte Muster und genau die wirken im Alltag mit unseren Kindern. Sie zeigen uns, wo etwas in uns selbst unter Druck steht.
Kinder sind unsere wichtigste Aufgabe. Letztendlich zählt, ob sie sich sicher, gesehen, geborgen und geliebt gefühlt haben.
Wir sollten unserem Kind frühzeitig beibringen, Gefühle zu bemerken, erkennen und benennen. Klar kommunizieren, mit einem guten Beispiel vorangehen.
“Das Positivste was ich über Wut gelernt habe:
Wut befreit aus der Ohnmacht.
Bei Ungerechtigkeit, Übergriffigkeit, Machtmissbrauch hilft Wut sich zu schützen und nicht zu erstarren, aufzugeben oder es sich gefallen zu lassen”
Wut ist normal, aber wenn wir wissen, wie, können wir aus einem Elefanten eine Mücke machen.
Die Entwicklung
Besonders im Alter zwischen 1,5 - 3 Jahren können Kinder entwicklungspsychologisch & neurobiologisch “schwierig” sein. Die Gründe dafür sind
einerseits die Autonomiephase
andererseits die enorme Gehirnentwicklung
die sie in dieser Zeit durchlaufen.
Die Diskrepanz zwischen “ich will das (alleine) machen” und “Ich kann das (noch) nicht” führt manchmal zu Frustration und in der Folge zu Wut.
Unsere Kinder müssen diese Entwicklungsschritte durchlaufen. Alles, was wir tun können, ist sie zu unterstützen und ihnen zu zeigen, wie man mit Gefühlen umgeht.
Diese Entwicklung endet aber nicht mit dem Kleinkindalter. Auch Vorschulkinder und Jugendliche erleben Phasen intensiver Wut. Zum Beispiel durch:
Identitätssuche
steigende Anforderungen
hormonelle Veränderungen
Das Gehirn und die Wut
Wut entsteht nicht aus dem Nichts. Sie ist ein Teil der natürlichen Entwicklung und vieles von dem, was wir als „übertrieben“ erleben, ist neurologisch gesehen absolut logisch.
Im Zentrum steht ein kleiner, aber sehr schneller Teil des Gehirns: die Amygdala.
Sie funktioniert wie ein innerer Rauchmelder. Sobald etwas als „bedrohlich“ oder überwältigend wahrgenommen wird, schlägt sie Alarm:
Stresshormone werden ausgeschüttet
der Körper geht in den Kampf- oder Fluchtmodus
Denken wird zweitrangig
Das Kind reagiert sofort & reflexartig.
Gleichzeitig ist der Teil des Gehirns, der eigentlich für die Regulation zuständig wäre, noch nicht ausgereift: der präfrontale Cortex.
Er hilft uns:
Impulse kontrollieren
Lösungen finden
Gefühle regulieren
Perspektiven wechseln
Dieser Bereich entwickelt sich über viele Jahre hinweg und ist teilweise erst im jungen Erwachsenenalter ausgereift.
Ein Kind kann sich also in intensiven Momenten oft noch gar nicht selbst steuern, weil die Verbindung zwischen emotionalem Gehirn (Amygdala) und denkendem/regulierendem Teil (präfrontaler Cortex) blockiert wird.
Deshalb hilft: „Jetzt beruhig dich doch mal!“ (besonders wenn es geschrien wird) nicht.
Der Beziehungs-Faktor
Ich habe es schon in früheren Artikeln beschrieben… Kinder können sich nicht allein regulieren. Sie brauchen jemanden, der sich mit ihnen in Beziehung setzt und ihnen hilft. Das nennt man Co-Regulation.
Ein ruhiger Erwachsener kann helfen, das Nervensystem des Kindes wieder zu stabilisieren:
durch Stimme
durch Präsenz
durch Sicherheit
Typische Auslöser von Wut und ihre Verstärker
Hunger, Müdigkeit und andere unerfüllte Bedürfnisse
Enttäuschung
Grenzüberschreitung
Überforderung oder Reizüberflutung
Gerade bei kleinen Kindern reicht oft schon ein scheinbar „kleiner“ Anlass, weil das innere System ohnehin angespannt ist.
Alles, was triggered, kann auch verstärken. Oft nehmen wir Erwachsenen die Situationen gar nicht mehr so wahr, wie sie eigentlich sind…
1. Überreizung, Überforderung und Stress
Dieser Punkt ist besonders wichtig. Es geht um zu viele Eindrücke, zu wenig Pausen und unseren vollen Alltag. Auch unser Nervensystem ist auf Anschlag, aber Erwachsene ignorieren es oft. Wie der Fernseher dein Kind hypnotisiert, erfährst du hier:
2. Schlafmangel
Müde Kinder (und Erwachsene) haben deutlich weniger Regulation.
3. Ernährung
Starke Blutzuckerschwankungen, z. B. durch viel Zucker, können die Reizbarkeit erhöhen…
Sebastian Sylvester hat die Konsequenzen gezogen und ein kompaktes Kapitel darüber geschrieben, wie er Schritt-für-Schritt zuckerfrei wurde, ohne Entzugs-Erscheinungen zu bekommen. (Das entsprechende Dokument findest du am Ende des Artikels.)
Auch Nährstoffmängel (z. B. Magnesium, Eisen [besonders bei Mädchen ab der 1. Periode], Omega-3, B-Vitamine, Q10,…) werden mit erhöhter emotionaler Instabilität in Verbindung gebracht. Die beste Köchin und der beste Koch der Welt werden sich schwer tun, ein Kind mit allem nötigen zu versorgen:
Weil es auch am Kind liegt, was es zu essen bereit ist (oder eben nicht)
Weil unsere Böden nicht mehr so viel hergeben wie früher (Auch dieses Thema habe ich schon mal verschriftlicht)
Genauere Infos zu wichtigen Nährstoffen findest du in einem meiner früheren Artikel
Anstatt blind zu supplementieren, gibt es für Kinder ab 3 Jahren die Möglichkeit, von zuhause aus euren Mikronährstoffstatus testen zu lassen. Zum Beispiel mit den Selbsttests von for you
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4. Körperliche Prozesse
Auch körperliche Belastungen wie z.B. unterschwellige Entzündungsprozesse können das Nervensystem empfindlicher machen.
5. Fehlende Co-Regulation
Schon erwähnt, aber Kinder lernen Selbstregulation erst durch Beziehung. Wenn sie mit intensiven Gefühlen allein bleiben, können diese schneller eskalieren.
Ein neuer Blick auf Wut
Wut ist nicht einfach „schlechtes Verhalten“ und auch kein Zeichen von Schwäche. Ein wütendes Kind ist ein Kind, dessen System gerade überfordert ist und nicht zwingend “schwierig”.
Unsere Aufgabe ist es, nicht einfach “anzunehmen” und zu akzeptieren. Wir sollten betrachten und hinterfragen, um zu verstehen, was dahinter oder darunter liegt.
Als Erstes beachte:
Corinna von der Mühlen ist bindungs- und beziehungsorientierte Eltern- und Familienberaterin sowie systemische Therapeutin. Zurzeit arbeitet sie mit Frauen, die verstehen wollen, warum ihr Leben sich so falsch und erschöpfend anfühlt, obwohl sie nach außen hin alles richtig machen. Da geht es natürlich auch viel um Beziehung, zu sich selbst und anderen.
Weitere Ideen:
Co-Regulation
Gefühle halten, aber auch Grenzen halten
Ein Kind darf wütend sein, aber nicht jedes Verhalten darf daraus folgen.
(z.B.: „Ich sehe, du bist wütend, aber ich lasse nicht zu, dass du haust.“Nach dem Sturm Worte finden und über die Gefühle sprechen.
Den Alltag durchdenken.
Mute deinem Kind nicht alles zu, was du dir zumutest.
Gönnt euch mehr Pausen, mehr Schlaf, mehr Ruhe, regelmäßige Essenszeiten,…
Schlussgedanken
Wut gehört zum Menschsein. Sie schützt. Sie grenzt ab. Sie macht sichtbar, wenn etwas nicht passt.
Wir müssen lernen, mit Wut auf konstruktive Art und Weise umzugehen. Nicht sie immer zu verhindern.
Vielleicht ist das Bild von Pippi Langstrumpf deshalb so kraftvoll:
Innerlich stark und mit sich selbst verbunden.
Genau das ist es auch, was Kinder entwickeln sollten.
Das ist, was wir ihnen beibringen sollten.
Nicht „braves Funktionieren“, runterschlucken und Gefühle unterdrücken.
Und um das zu schaffen, brauchen wir gute Beziehungen.
Zu uns selbst und zu unseren Lieben.
Danke, dass du dir Zeit fürs Lesen genommen hast.
Wenn dich diese Gedanken begleiten oder stärken, freue ich mich über deine Unterstützung – wie auch immer sie geartet sein mag.
Weiterführende Links:
Sven Beba - Bärenelternmentoring
Sebastian Sylvester‘s Zuckerfrei-Kapitel
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Ich liebe es, Beiträge wie diesen zu lesen. Vielen Dank dafür, Verena.
Das zeigt mir immer wieder, dass wir als Gesellschaft auf dem richtigen Weg sind. Denn wir sind eine der ersten Generationen, die überhaupt die Möglichkeit haben, gesellschaftlich wirklich Veränderung herbeizuführen. Wir können mehr als nur im Einzelnen wirken, wir können im Kollektiv alte Systeme, Muster und Strukturen brechen, die früher die Kinder gebrochen haben.
Zum Thema: Wut ist in erster Linie ein Gefühl. Und Gefühle in jeder Form zu leben ist wichtig, um sich kennenzulernen, um sich abzugrenzen und um Grenzen nach außen zu setzen. Früher und leider heute auch noch oft, wurden „negative” Gefühle kleingemacht. Wut wurde bestraft und sanktioniert.
Aber wenn ich bedenke, dass Wut genauso wie Freude ein Gefühl ist, habe ich nie verstanden, warum Wut so negativ besetzt ist. Man sagt zu einem Kind „Hör auf zu heulen” aber sagt man auch „Hör auf zu lachen”?
Ich habe kurz überlegt, wie es bei mir in der Kindheit war. Ich war sehr gefühlvoll und konnte genauso tief glücklich mit mir alleine sein wie unglaublich wütend.
Aber zuhause wurde Wut nicht gelebt und auch nicht verstanden. Da herrschte Zucht und Ordnung. Ich schwor mir schon als 8-Jähriger, ich mache alles anders als meine Eltern, ohne wirklich zu verstehen, geschweige denn zu wissen, wie das gehen soll.
Eines fühlte ich dennoch: Gefühle sind die Essenz für Individualität und fürs Glücklichsein.
Bevor ich meine eigene Familie gegründet habe, habe ich in meinen unternehmerischen Tätigkeiten immer wieder Familienersatz gesucht und gefunden. Und ich konnte recht früh lernen, wie dieses Gefühl und die Vision nach sozialer Gerechtigkeit in einem Unternehmen, in Freundschaften und Peergroups immer wieder dieselben Muster bedient.
By the way: In meinem wöchentlichen DeepTalkLetter schreibe ich genau darüber, wie unternehmerisches Handeln in Einklang mit familiären und gesellschaftlichen Werten Hand in Hand gehen kann. Schaut einfach mal rein:
onoko.me/deeptalkletter
Heute, nach über 20 Jahren Selbstständigkeit und einer Familie mit 3 Kidz (4, 9, 16), bin ich stolz darauf, die Vision des 8-jährigen Henry noch heute leben zu dürfen.
In diesem Sinne: Lernt eure Wut zu lieben genauso wie eure Freude. Denn beides zusammen kann die Grundlage für ein glückliches und erfülltes Leben sein.
...Wut ist viel Information in kurzer Zeit - so beschreibt es Leon Windscheid. Finde ihr schlagt da in eine ähnliche Kerbe.